Proschim

Der nächste verschwundene Ort in der Lausitz?

Fachwerkhäuser zieren die Hauptstraße in Proschim in Südbrandenburg. Eine Holzkirche schmückt die Dorfmitte. Das 700 Jahre alte Dorf könnte das nächste sein, das von der Landkarte verschwindet.

von Mareike Witte und Jennifer Heck

„Seine Heimat lässt man sich nicht abkaufen. Seine Heimat verteidigt man“ – steht auf einem Schild an der Hauptstraße von Proschim. Gegenüber eine Landkarte mit den abgebaggerten Orten im Landkreis Spree-Neiße. Das Dorf liegt am Rande des Tagebaus Welzow-Süd an der Grenze zu Sachsen.

Man könnte meinen, das Dorf ist sich einig. Aber die Bewohner sind gespalten: Einige sind für die Umsiedlung, denn Arbeitsplätze hängen an der Kohle in der sonst eher strukturschwachen Lausitz. Andere wollen sich mit dem Protest nicht kaputt machen, wieder andere sind radikale Gegner. Sie wollen ihr Öko-Dorf behalten, das sich mit einer Biogasanlage und einem Windpark selbstversorgt.

Umsiedlungen in der Lausitz

Derzeit gibt es vier aktive Braunkohleabbaugebiete in der Lausitz. Welzow-Süd ist eines der bedeutendsten in Deutschland. 136 brandenburgische und sächsische Orte sind in den vergangenen knapp 100 Jahren ganz oder teilweise in den Lausitzer Tagebauen verschwunden. Fast 30.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. 800 Menschen in Proschim und in weiteren Teilen von Welzow wären von der möglichen Umsiedlung betroffen.

Die brandenburgische Landesregierung hat 2014 mit einem Beschluss über die Zukunft des Braunkohletagebaus den Weg frei gemacht für die Erweiterung von Welzow-Süd. Ob der geplante Ausbau tatsächlich kommt, ist unklar. Der Betreiber des Tagebaus, die LEAG, will darüber bis zum Sommer entscheiden.

Kein Recht auf Heimat

Das Bundesverfassungsgericht hat 2013 bestätigt, dass die Energieversorgung von „Gemeinwohlbelang“ ist.  Dabei haben das Grundrecht auf Eigentum und das Recht auf Freizügigkeit einen geringeren Stellenwert. Nach Artikel 14 des Grundgesetzes ist eine Enteignung nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Ein Recht auf Heimat gebe es nicht.

Die Verfassungsrichter haben aber auch die Rechte von betroffenen Bürgern gestärkt. Denn bereits im Zulassungsverfahren für Bergbauprojekte müssten ihre Belange bei der Gesamtabwägung berücksichtigt und ihnen Klagemöglichkeiten eingeräumt werden.

Entscheidung im Sommer

Kohleabbau, das heißt auch immer Umsiedlungen, um an das „schwarze Gold“ zu kommen. Mit dem Kohleausstieg werden sie dann der Vergangenheit angehören. Glück haben könnten die am Tagebau Jänschwalde liegenden Dörfer Atterwasch, Grabko und Kerkwitz. Zum einen verliert das über 35 Jahre alte Kraftwerk Jänschwalde an Bedeutung, zum anderen sind Planung und Genehmigungsverfahren noch nicht so weit fortgeschritten wie für Welzow-Süd II. Im Sommer steht fest, ob Proschim der letzte verschwundene Ort in der brandenburgischen Lausitz sein wird.