Abhängigkeit vom Klimasünder

Das Lausitz-Dilemma

Kaum jemand bestreitet, dass irgendwann Schluss ist mit der Braunkohle. Doch bis zum Ziel des bundesdeutschen Klimaschutzplans 2050 ist es noch ein weiter Weg. Bis regenerative Energien versorgungssicher sind, werden wir alle noch lange auf den Kohlestrom angewiesen sein. Eine Bestandsaufnahme.

von Milan Schnieder

8.000 Arbeitsplätze hängen direkt, weitere 16.000 indirekt von der Braunkohlewirtschaft in der Lausitz ab. Doch die Tage des fossilen Brennstoffs sind schon gezählt. Denn zum einen sind die Kohle-Vorkommen begrenzt. Zum anderen hat spätestens das Paris-Protokoll 2015 das Ende der Braunkohle abgesegnet. Der Grund: bei deren Verstromung wird mehr Kohlenstoffdioxid (CO²) frei als bei jedem anderen Energieträger. Sie ist damit ein wesentlicher Faktor für Erderwärmung und Klimawandel.

Das Bundesumweltministerium möchte am liebsten bis 2050 eine Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen erreichen. Der Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg Albrecht Gerber (SPD) versichert 360Lausitz.de im Frühjahr 2017, dass auch er für die Energiewende sei, trotzdem “benötigen Industrie und Haushalte in Deutschland eine verlässliche und übrigens auch bezahlbare Energieversorgung insbesondere ab 2022, wenn die letzten Atommeiler vom Netz gehen”, so Albrecht. Dabei kann er sich der Rückendeckung des Bundeswirtschaftsministeriums sicher sein.

Eine Sprecherin sagte 360Lausitz.de, dass es um die Gestaltung des Strukturwandels in klarer zeitlicher Abfolge gehe. “Erst müssen Investitionen mobilisiert werden, um vor Ort Arbeit, Einkommen und Wohlstand [zu] sichern. Danach reden wir über die schrittweise Abnahme der Bedeutung der Kohleverstromung.”

Aktuell stammen rund 24 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus Braunkohlekraftwerken. In Berlin und Brandenburg sind es laut Bundesamt für Statistik sogar jeweils rund 60 Prozent. Auch die Stromtrassen, die Windenergie aus dem Norden Deutschlands in den Süden leiten sollen, reichen noch nicht aus. Vor allem in der Südhälfte Deutschlands ist oft Flaute. Ein Problem, weil hier die meisten Industriebetriebe angesiedelt sind. Zudem gibt es noch keine ausreichenden Speichermethoden für Zeiten, in denen weder die Sonne scheint noch der Wind weht.

Lausitz: Wirtschaftlich abhängig von der Kohle

Trotz vieler neuer, schöner Landschaften kann der Tourismus die Arbeitsplätze in der Braunkohle nicht ersetzen. Der enorme Reichtum an “schwarzem Gold” war über hundert Jahre lang der Wirtschaftsmotor der Lausitz. Deshalb gab es lange Zeit keinen Anlass, sich um alternative Industrien und Einkommensquellen zu bemühen. Das wird nun zum Problem für die Region: Der Tourismus wächst zwar dank kreativer und mutiger Gastronomen. Das passiert jedoch in einem viel zu kleinen Maßstab, um auf absehbare Zeit Umsatz und Arbeitsplätze in der Braunkohle-Industrie und den damit verbundenen Industriezweigen tatsächlich ersetzen zu können.

Renaturierung

Die bundeseigene Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) hat einen Teil der ausgekohlten Gruben geflutet. So will sie bis 2021 eine weit verzweigte, mit schiffbaren Kanälen verbundene Kette aus zehn künstlichen Seen entstehen lassen. Das Wasser ist jedoch teilweise so sauer, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis alle Seen als Badegewässer nutzbar sind. Bis dahin können nur wenige Pflanzen und Tiere dort leben. Auch wenn Menschen mit dem Wasser in Kontakt kämen, wären Hautreizungen sehr wahrscheinlich. Andernorts hat die LMBV aus alten Gruben neue Naturschutzgebiete entstehen lassen oder sie in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt.

Umsiedlung oft wider Willen

136 Dörfer mit insgesamt rund 30.000 Menschen mussten in den vergangenen hundert Jahren dem Kohleabbau weichen. Das heißt: Sie siedelten um und ihre Dörfer wurden den tertiären Böden gleich gemacht. Zu DDR-Zeiten wurden betroffene Bewohner zwangsumgesiedelt, ohne juristisch dagegen vorgehen oder angemessene Entschädigungen aushandeln zu können. Nach der Wende änderte sich das: Die Betreiber Vattenfall und dessen Nachfolger, die Lausitzer Energie und Braunkohle AG (LEAG) bemühten sich um sozialverträgliche Lösungen. Betroffene Einwohner erhielten hohe Abfindungen für den Verlust ihrer Heimat und konnten in neu  angelegte Dörfer ziehen.

Kohleausstieg? Zumindest nicht in der nahen Zukunft!

Der bevorstehende Kohleausstieg heizt das gesellschaftliche Klima seit Jahren an – und die Diskussion wird noch andauern. Umweltschützer besetzten Mitte 2016 das Kraftwerk Jänschwalde. Dagegen gingen die Braunkohle-Arbeiter aus Angst um ihre Jobs auf die Straße.

Auch auf Bundesebene ist immer noch fraglich, welche Energien die Stromgewinnung durch die Braunkohle ersetzen könnten. Der Ausstieg aus der Braunkohle kann vor allem deshalb noch nicht ganz so schnell vonstatten gehen. Es fehlen geeignete Speichertechnologien, um den Strom aus erneuerbaren Energien auch an sonnen- und windarmen Tage zu nutzen. Doch selbst wenn es diese ausreichend gäbe, müssten schon mindestens 70 bis 80 Prozent unserer Energie aus den erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden.

Ein weiterer Diskussionspunkt sind die Arbeitsplätze – rund 70.000 in ganz Deutschland sollen direkt und indirekt von der Braunkohleförderung abhängig sein. In der Lausitz ist diese Industrie Haupt-Arbeitgeber, ähnliches gilt aber auch für die anderen Förderregionen.

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung unter Zugzwang gerät, um den völkerrechtlichen Verplichtungen des Pariser Klimaschutzabkommens zu entsprechen. So ist der Diskurs um die Lausitzer Braunkohle auch auf der internationalen Bühne angekommen.