Umsiedlung

Mit der Seele in der alten Heimat

Haidemühl, ein Dorf, das längst verschwunden sein sollte. Vor über einem Jahrzehnt war hier noch Leben. Dann sollte das Dorf dem Braunkohletagebau weichen. Die Bewohner sind zwar ausgezogen. Einige Häuser stehen aber immer noch.

von Jennifer Heck & Mareike Witte

Das neue Haidemühl liegt rund 20 Kilometer nordöstlich des alten Standorts.

„11 Jahre bin ich weg hier“, sagt Dietmar Quander und blickt betroffen über die Ruinen seines alten Dorfes in der Nähe von Welzow im Landkreis Spree-Neiße. Wurzeln haben sich durch das Fundament gefressen. Wind pfeift durch zerschlagene Fensterscheiben und lässt die Tapetenreste an den Wänden flattern. Autos brettern über die Landstraße durch das verlassene Dorf. Gegenüber steht die alte Glashütte, seit 1992 stillgelegt. Relikte aus dem Kohlezeitalter.

Am Smartphone? Youtube-App via Link: tr.im/Alt-Haidemuehl

Die Kohle hat das Dorf im 20. Jahrhundert groß gemacht, im 21. Jahrhundert ist sie ihr Untergang. Ursprünglich sollte das alte Haidemühl 2018 in den Tagebau Welzow-Süd eingehen. Dennoch steht heute noch rund ein Drittel des Dorfes. Die verfallenen Häuser gehören zur Glasfabrik und dürfen bisher nicht abgerissen werden. Weder der alte Tagebau-Betreiber Vattenfall noch der neue Energiekonzern LEAG konnte sich mit dem Eigentümer einigen.

Nach einem halben Jahrhundert entwurzelt

Rund 600 Bewohner mussten umsiedeln. Die meisten entschieden sich wie Dietmar Quander für das 20 Kilometer entfernte neue Haidemühl am Stadtrand von Spremberg. Der gelernte Schlosser hat fast sein ganzes Leben im alten Haidemühl verbracht. Er lebte 50 Jahre in derselben Straße, zuletzt mit Frau und Tochter.

Schon sein Vater hat in der alten Glashütte gearbeitet. 13 Jahre vor der Umsiedlung weiß er endgültig: Die Bagger werden kommen, seine Heimat muss weichen. „Gehen wollte ich nicht, aber man musste umdenken, es blieb einem nichts anderes übrig. Weg musste man so oder so“, erzählt Dietmar Quander.

Geschichte Haidemühl

Die Geschichte von Haidemühl ist eng verbunden mit Kohle und Glas. Den Grundstein für den florierenden Ort legt 1835 der Glasfabrikant Johann Christoph Greiner mit dem Bau der Glashütte. Hier werden Parfümgläser, Lampenschirme und Konservengläser produziert. 1900 kommt die Braunkohle-Brikettfabrik hinzu, eine neue Wohnsiedlung entsteht. In der DDR ist die Glasfabrik Volkseigener Betrieb, und ab den 70er Jahren der einzige Hersteller von 0,5 Liter-Milchflaschen in der DDR. Nach der Wende sind Glas- und Brikettfabrik nicht mehr wettbewerbsfähig und werden stillgelegt. Die Glashütte und die dazugehörigen Mietshäuser stehen bis heute. Die Landstraße L522 führt mitten durch den verlassenen Ort.

„Da war man eben zuhause“

Der 60-Jährige hat erlebt, wie die Nachbardörfer nach und nach im Tagebau verschwanden. Gosda, Jessen. „Als das erste Dorf wegkam, sind wir hingefahren und haben Steine geholt“, erinnert sich Quander. „Und das hat schon weh getan, wenn man das da gesehen hat. Da war ich aber noch Kind.“

Heute fehlen Steine an den Fassaden der Überreste Haidemühls. Graffiti-Slogans gegen die Braunkohle prangen an Hauswänden. Welcher der richtige Weg ist, der zu seinem alten Wohnhaus führt, da muss Dietmar Quander kurz nachdenken. Die verwachsenen Zugänge machen es ihm sichtlich schwer. Aber seine Werkstatt und den selbstgebauten Taubenschlag erkennt er gleich wieder. „Das tut weh. Man hat ja alles allein gebaut mit der Hand. Zu kaufen gab’s nicht viel.“

Nicht ohne meine Tiere

Das Taubenzüchten ist Quanders große Leidenschaft seit fast 40 Jahren. „Mein Nachbar hatte Tauben und das hat mich schon immer interessiert. Die Tauben, das Heimkommen, die Aufzucht, alles“, erklärt der Hobbyzüchter. „Wie wenn man Pferde züchtet. Man will immer die besten Pferde haben und so ist es auch bei den Tauben. Das sind die Rennpferde des kleinen Mannes.“

„Wenn ich aus dem Urlaub kam, da konnte die Ecke noch so schön sein, wie sie wollte, wenn ich in Haidemühl reingefahren bin, war ich zu Hause. Das war das Schönste. Obwohl es gar nicht schön aussah von der Straße her.“

Deswegen war seine Bedingung für die Umsiedlung: nicht ohne meine Tiere! Quander tauscht Mietwohnung gegen Einfamilienhaus. „So günstig wie da hätte ich nicht bauen können“, sagt er. Jetzt hat Dietmar Quander einen Taubenschlag, von dem er im alten Haidemühl nicht einmal geträumt hätte. „Also ich bin schon gut entschädigt worden“.

Der Traum vom eigenen Haus

Bei der Umsiedlung entsteht bei Spremberg ein nagelneues Haidemühl mit 176 Mietwohnungen, 85 Eigenheimen, einer Grundschule und einem Dorfgemeinschaftshaus.

Wie ihm fiel auch den Tauben der Umzug am Anfang schwer. „Einige sind wieder nach Alt-Haidemühl zurückgeflogen und wollten da rein. Dann bin ich hingefahren und hab sie geholt“, berichtet er. „So sind Tauben, die hängen auch an der Heimat.“

“Der gesellschaftliche Umgang ist hier ganz anders”

Vor allem das alte Dorfleben und den Zusammenhalt vermisst Dietmar Quander. „Es gibt auch welche, die sehnen sich gar nicht mehr zurück. Das kann ich gar nicht verstehen.“ Dabei gilt es als Hauptkriterium für eine sozialverträgliche Umsiedlung, die Dorfgemeinschaft zu erhalten.

Am Smartphone? Youtube-App via Link: tr.im/Neu-Haidemuehl

„Das war ein richtig lebhaftes Dorf früher“, erinnert sich Quander. „Man hat sich abends getroffen, ist in die Gaststätte gegangen, Billard spielen, Fußball gucken oder kegeln.“ Im neuen Haidemühl sehe man sich gar nicht mehr.

Vielleicht ist auch der entstandene Neid mit Schuld daran. Der alte Tagebau-Betreiber habe mit jedem einzeln verhandelt und niemand über Ergebnisse gesprochen. „Es haben viele gedacht, einer kriegt zu viel und die anderen kriegen zu wenig“, sagt Quander.

Glashütte: Zukunft ungewiss

Heute wäre es ihm lieber, wenn das alte Haidemühl dem Erdboden gleichgemacht wäre: „Man weiß, wie es hier früher war und wie es jetzt hier aussieht, schlimm.“ Der jetzige Tagebau-Betreiber will die verlassenen Gebäude der insolventen Haideglas GmbH so schnell wie möglich erwerben, um sie abzureißen. Aber solange es keine Einigung gibt, bleibt das alte Haidemühl ein sogenanntes Geisterdorf und erinnert an vergangene Zeiten.

Im Nachbardorf warten sie auf die Entscheidung des Tagebau-Betreibers, ob auch Proschim der Braunkohle weichen muss. Im Sommer will die LEAG ihre Pläne bekannt geben. Es wäre dann eines der letzten “verschwundenen Dörfer” in der Lausitz.