Tourismus in der Lausitz

Von der Kohle- zur Goldgrube?

Wo früher Braunkohle abgebaut wurde, soll nun das Lausitzer Seenland entstehen und Touristen anlocken. Das Leuchtturmhotel ist einer der Pioniere.

Am Smartphone? Youtube-App via Link: tr.im/Leuchtturmhotel

von Ariane Böhm und Simon Wenzel

„Das ist unsere Goldgrube, da haben wir immer ein paar Nuggets versteckt”, strahlt Klaus-Dieter Struthoff und zeigt auf einen Sandkasten. Während seine Gäste auf der Terrasse sitzen und die Aussicht auf den Geierswalder See genießen, können sich die Kinder auf Schatzsuche begeben. Neben dem Senftenberger See ist der Geierswalder See an der Grenze von Brandenburg und Sachsen einer der ersten Seen der Lausitzer Seenkette, der touristisch genutzt wird.  

Ein Leuchtturm für die Lausitz

Eigentlich wollten die Struthoffs nur einen Radfahrertreff am See schaffen, dann hatte Heike Struthoff die Idee zum Leuchtturmhotel. Seit 2014 führt sie das Familienunternehmen zusammen mit ihrem Ehemann und ihren Sohn. Vier kleine Ferienhäuschen gehören zum Hotel, ein Restaurant mit zwei Sälen, die Terrasse mit Seeblick und eben der 22 Meter hohe Leuchtturm.

Ein Leuchtturm am Baggersee – zur Orientierung braucht den hier auf dem Geierswalder nicht einmal der ambitionierteste Hobby-Kapitän. Trotzdem könnte es sein, dass bald ein reger Schiffsverkehr vor dem rot-weiß gestreiften Türmchen herrscht: Zwischen dem Grünewalder Lauch und dem Bärwalder See soll das größte künstlich geschaffene Seenland Europas entstehen. Im Zentrum liegt dann die Lausitzer Seenkette, deren zehn Seen durch schiffbare Kanäle miteinander verbunden sein sollen. Auch der Geierswalder See wird Teil dieser Kette.

Kalk für den See

Noch ist es auf dem See ruhig. Es ist Anfang März und draußen peitscht der Wind um den Leuchtturm. Bootsverkehr? Frühestens ab April. Dennoch hat das Leuchtturmhotel bereits Gäste: ein Paar aus der nahen Großstadt zum Beispiel. Die beiden sind auf der Suche nach ein bisschen Ruhe und Erholung fündig geworden und schlafen jetzt ganz oben, in der Spitze des Leuchtturms. Für rund 150 Euro kann man hier nächtigen. Im Preis inbegriffen: Frühstück und freie Sicht auf eine große Kolonie Wildgänse, die sich auf den Feldern neben dem Hotel niedergelassen hat. Seit zwei oder drei Jahren kommen die hierher, sagt Klaus-Dieter Struthoff. Auch Fische seien längst heimisch geworden in der ehemaligen Kohlegrube des Tagebaus Koschen – Kalk sei Dank!

Denn ehemalige Kohlegruben werden nicht von alleine zu Badeseen. Wie viele andere Bergbaufolgegewässer musste auch der Geierswalder See nach der Flutung zunächst gekalkt werden, um den sauren pH-Wert zu neutralisieren (siehe Infobox). Ist der See zu sauer, könnten die Badenden Hautreizungen bekommen.

Tourismus a la Lausitz

Insgesamt acht Jahre (von 2004 bis 2012) hat die Flutung des Sees durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) gedauert. Zwei Jahre dauerte der Bau des Leuchtturmhotels. Mittlerweile können Touristen hier Kitesurfen, Paddeln oder Boot fahren. Die Struthoffs waren so etwas wie Pioniere: die ersten Goldschürfer am Geierswalder See. Für den Tourismusverband ist der Leuchtturm der Struthoffs ein gutes Beispiel dafür, wie er aussehen kann, der Tourismus a la Lausitz.

Noch zählt die Lausitz nicht zu den beliebtesten Reisezielen Deutschlands. Während die Mecklenburgischen Seenplatte mehr als 29 Millionen Übernachtungen pro Jahr zählt, sind es in der Lausitz circa 630.000. Aber die Entwicklung stimmt hoffnungsvoll: In den vergangenen beiden Jahren sind die Übernachtungszahlen in der Lausitz um fast zwölf Prozent gestiegen.

Bekalkung

“Viele Baggerseen, die in ehemaligen Braunkohlengruben entstehen, werden in den ersten Jahren nach ihrer Flutung künstlich gekalkt. Das ist nötig, weil durch den Kohleabbau in der Grube Gesteinsschichten freigelegt werden, in denen Eisensulfate enthalten sind. Sind diese freigelegt, reagieren sie mit dem Sauerstoff in der Luft zu schwefligen Säuren und werden anschließend beim Fluten des See ins Seewasser gespült – es entsteht saures Wasser. Damit im See bedenkenlos gebadet werden kann, muss das Wasser mit Kalk neutralisiert werden. Zwischen Frühling und Herbst fahren deshalb regelmäßig Kalkschiffe über die Seen und kippen unter der Wasseroberfläche Kalk in den Baggersee.”

Und es könnte noch schneller gehen: Wenn große Investoren einsteigen, könnten mit ihnen auch weitere Arbeitsplätze in die Region kommen – ein zentrales Thema vor dem Hintergrund des mittel- oder langfristigen Aus für den Kohleabbau.

Nur Saisonarbeit?

Der Tourismus wird die rund 8000 direkt und 16.000 indirekt abhängigen Arbeitsplätze, die durch einen Kohleausstieg gefährdet sind, nicht ersetzen können – auch wenn qualifizierte Fachkräfte im Hotel- und Gastronomiebereich schon jetzt gesucht werden. Ein weiteres Problem: Der hiesige Tourismus ist vor allem Saisonarbeit. Der eine oder andere Surflehrer arbeitet daher im Winter fernab von der Lausitz auf der Skipiste. Kreative Gastronomen wie das Ehepaar Struthoff finden aber auch im Winter Gold: Das Leuchtturmhotel vermietet seine Räume zum Beispiel an Start-Ups und Kongresse.