Drei Wochen ems-Abschlussprojekt im Resumee

Wir holen die Lausitz in die ems – in 360° und verschiedensten Blickwinkeln

Unser Abschlussprojekt der 18 Monate Volontariatsausbildung beginnt mit einem Superlativ: Die electronic media school ist bundesweit die erste Journalistenschule, die Virtual Reality in einem Jahrgang möglich macht. Somit ist unser Projekt “Auf heißen Kohlen. 360° in der Lausitz” einzigartig. Einzigartig knifflig in der technischen Umsetzung, aber auch einzigartig bildgewaltig. Die Komplexität der Braunkohle-Problematik der Lausitz-Region in 2D-Filmen darzustellen, wäre uns wohl zum Abschluss zu langweilig. Ein Resumee.

von Jenny Barke

Wir müssen umdenken. Das merken wir schnell, als unser VR-Trainer Martin Heller uns mit einer neuen Sprache anspricht. “Denkt an die Stitch-Line das hat oberste Priorität!”, erklärt er am ersten Projekttag. So richtig verstehen können wir die Anweisung für den Dreh mit 360°-Kameras erst, als wir die VR-Brillen aufsetzen und zum ersten Mal in die virtuelle Welt eintauchen.

Digitale Traumwelten erschaffen

Wir stehen plötzlich mitten auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Um uns herum laufen eilig Fußgänger richtung Einkaufspassage oder U-Bahn. Danach schweben wir über den Hochhäusern New Yorks. Neigen wir den Kopf nach unten, wird uns schwindelig. Die neue Sichtweise ist beeindruckend und erschreckend real. Doch manchmal werden wir aus unserer Traumwelt rausgeworfen. Dann, wenn mittig im Blickfeld eine vertikale Linie auftaucht, in der die Konturen verschwimmen. Die verflixte Stitch-Line!

Die 360°-Technik etabliert sich schnell, doch noch hat sie Schwachpunkte. Zum Beispiel, dass zum Rundum-Filmen mehrere Kameras benötigt werden. Jede Linse filmt einen bestimmten Winkel. In der Postproduktion werden die einzelnen Teile wieder digital zusammengerechnet. Es ist wie beim zusammenflicken einzelner Stoffteile: Die Naht bleibt sichtbar, die sogenannte Stitch-Line.

Räumliches Vorstellungsvermögen schärfen

Martin Heller gibt uns viele Tipps mit auf den Weg, um die Lausitz möglichst stitch-frei einzufangen. Wir dürfen keine nahen Gegenstände am äußeren Rand der Kameralinsen filmen und wir sollten die Linien zwischen den Linsen in die Mitte der Lichtquelle setzen, um die Aufnahmen gleichmäßig zu beleuchten. Erste Probeaufnahmen in der Nähe des Schulgebäudes der ems in Potsdam-Babelsberg helfen, das räumliche Vorstellungsvermögen zu schärfen.

„Das Schwierigste für uns war, ein neues Medium kennen- und begreifen zu lernen und das mit dem Handwerkszeug des Journalisten zu verknüpfen. Wir haben viel Kraft in die Dramaturgie gelegt, damit 360° die Leute nicht nur von den Bildern beeindruckt sind, sondern auch inhaltlich an die Hand genommen werden.“

Elias Franke, Creative Director im Projekt

Doch das ist nicht unsere einzige Herausforderung. In den knapp drei Wochen der Projektphase haben wir uns ein Thema vorgenommen, welches eine gründliche und vor allem sensible Recherche voraussetzt. Das in den vergangenen Monaten erworbene journalistische Handwerk wird hart auf die Probe gestellt. Wir möchten unsere VR-Zuschauer in die Lausitz reisen lassen. Wir möchten unsere VR-Zuschauer hautnah erleben lassen, was die Lausitzer umtreibt, deren Leben vom “War” und “Ist” und “Werden” der Braunkohle abhängt.

Braunkohle vs. Paris-Protokoll

Der Strukturwandel in der Lausitz ist eine komplexe Problematik und steht beispielhaft für viele Regionen Deutschlands und Europas. Viele tausend Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt von dem Abbau der Braunkohle ab. Doch der fossile Brennstoff gehört auch bald der Vergangenheit an. Denn zum einen ist die Lausitz-Region in wenigen Jahrzehnten „ausgekohlt“.

  „In einer Propellermaschine über die Lausitz zu fliegen, war eine beeindruckende Erfahrung! Es war allerdings auch eine Herausforderung, auf engstem Raum, mit starker Sonneneinstrahlung und lautem Motorengeräusch gute 360°-Aufnahmen zu drehen.“

Vanessa Kockegei, Team „Folgen für Umwelt & Natur“

Zum anderen ist Braunkohle nicht mehr zeitgemäß. Stichwort Erderwärmung und Klimawandel. Spätestens seit dem Paris-Protokoll ist ihr Ende abgesegnet. Und die Politik will bis 2050 unabhängig von fossilen Brennstoffen sein. Für Experten eine Utopie: Noch immer beziehen 60 Prozent der Brandenburger und Berliner ihren Strom aus Braunkohle. Und erneuerbare Energie gibt es zwar, es fehlen derzeit jedoch noch geeignete Speichermethoden dafür.

Der bevorstehende Kohleausstieg hat das gesellschaftliche Klima angeheizt. Klimaschützer besetzten im Glauben an die gute Sache illegal Lausitzer Kraftwerke.  Braunkohle-Arbeiter gingen aus Angst vor dem Jobverlust auf die Straße. Journalisten schrieben teils einseitige Reportagen über die Benachteiligten des Kohleabbaus. Oft genug fand bisher eine Vereinfachung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß statt. Das Misstrauen gegenüber Pressevertretern bemerken wir auch, als wir telefonische Anfragen stellen. Sowohl ansässige Unternehmen als auch Anwohner zweifeln an unserem Vorhaben, die Lausitz differenziert in 360° darzustellen.

Expertise aus der Lausitz

Wir sind uns der großen Verantwortung unserer Berichterstattung bewusst und versuchen, so umfangreich wie nur möglich das Thema von allen Seiten zu betrachten. Dankbar nehmen wir das Angebot des rbb-Landesstudios Cottbus an, uns Fragen zu beantworten. Redaktionsleiter Andreas Rausch besucht die ems und gibt uns umfassende Einblicke über Geschichte, Kultur, Topographie und Wirtschaft. Er und seine Kollegen vor Ort können auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken und haben uns damit einiges voraus.

Wir erheben nicht den Anspruch der Chronistenpflicht, denn das ist in der Kürze der Zeit nicht leistbar. Doch wir stellen uns zur Aufgabe, auch die Zwischentöne einzufangen, die in der Vergangenheit manchmal überhört worden sind. Wir finden Menschen, die wegen der voranschreitenden Tagebaue ihre über Generationen gewachsenen Dörfer verlassen müssen, sich aber gleichzeitig über die Chancen der Umsiedlung freuen. Und berichten von den Chancen, die sich der Region mit der Forschung in erneuerbare Energien ergeben.

„Es hat mir viel Spaß gemacht, mit den 360°-Kameras zu drehen. Auch für unsere Gastgeber und Protagonisten vor Ort war es eine neue Erfahrung. Spätestens, wenn man nach Start der Aufnahme gemeinsam ins Versteck rennt, ist das Eis gebrochen.“ 

Milan Schnieder, Kamera und Recherche im Projekt

„Ich war sehr erstaunt, wie unterschiedlich der Support von 360°-Videos in den sozialen Medien bisher funktioniert. Bei Facebook lassen die sich gut anschauen, Twitter bietet jedoch noch keine 360°-Ansicht. Dabei klicken die sich wirklich gut!“

Teresa Nehm, Social Media beim Projekt

Realität trifft auf Klischees

Aus unseren Recherchen ergeben sich fünf Hauptthemen: Arbeit im Tagebau, Folgen für Natur und Mensch, technische Innovation und Forschung, Umsiedlung, Tourismus und Renaturierung. In Zweierteams knüpfen wir Kontakte zu Experten und suchen Protagonisten. Uns hat die Leidenschaft für 360° und die Lausitz nach wenigen Tagen voll im Griff und so entspinnt sich ein ambitionierter Plan: Unsere Zuschauer sollen nicht nur stille Beobachter, sondern selbst aktive Teilnehmer unserer Welt werden. Denn beim ersten Eintauchen in Martin Hellers VR-Filme stellen wir fest, dass sie uns am meisten fesseln, wenn wir das Gefühl haben, angesprochen zu werden.

Ein sechstes Volontärs-Team erschafft parallel einen fiktionalen Erzählstrang: Die Lausitz in Klischee-Bildern. Wir casten Schauspieler und suchen Requisiten. Die Wahl fällt auf Andreas Stadler. Er spricht den Zuschauer direkt an: Als Jogger am renaturierten See, als Kollege aus dem Tagebau, als Umweltschützer an der braunen Spree. Die inszenierten Stereotype verweben wir in einem Hauptfilm mit den realen Szenen. So entsteht ein großes Gesamtwerk, was den Zuschauer über mehrere Minuten in die Lausitz hineinzieht.

Gesamtwerk Projektion Lausitz in der ems

Am Ende einer langen und ereignisreichen Dreh-Woche auf Abraumförderbrücken, in Windparks, auf Quads und im Flugzeug heißt es stitchen. Dabei werden die Kanten der einzelnen Linsenbilder wieder miteinander verbunden. Fingerspitzengefühl bei der Bildbearbeitung ist gefragt, um das Rundum-Erlebnis so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Nach der Bearbeitung und Schnitt sind wir beeindruckt von unseren Ergebnissen: Wir haben die Lausitz in beeindruckender Realität in die ems projiziert!

Doch einen Haken gibt es noch. Der größte Vorteil der 360°-Technik ist auch ein großer Feind unseres Themas. Die VR-Bilder müssen bildgewaltig und emotional sein und bieten wenig Raum für Fakten und die vielen Hintergrundinformationen, die wir zusammengetragen haben. Deshalb entscheiden wir uns, Elemente wie Experteninterviews, Zahlen und erklärende Hintergründe in ergänzenden Artikeln auf unsere Website zu stellen.

Und nach drei Wochen ist es endlich geschafft: Wir fühlen uns mit der Lausitz und den Lausitzern verbunden. Nicht nur journalistisch, sondern auch in unserer eigenen virtuellen Realität.

„Bei 360°-Filmen hat die Bildgestaltung absolute Priorität.
Doch
während ich sonst beim Drehen gern nach besonderen Details und neuen Blickwinkeln suche, steht hier die Totale im Vordergrund. Es fordert Kreativität, Orte zu finden, die nicht nur in eine Richtung spannend aussehen, sondern rund um die Kamera herum.“

Mareike Witte, Team „Alte & neue Heimat“