Am Lausitzring

Zeit, dass sich was dreht

Das Projekt „Grüner Lausitzring“ zeigt die Energiewende im Kleinen. Doch welche Chancen bieten erneuerbare Energien für die Lausitz? Können sie ein Ersatz für die Braunkohle sein? Viele Gedanken und eine Ortsbegehung.

Am Smartphone? Youtube-App via Link: tr.im/Lausitzring

von Stefanie Mnich und Bastian Welte

Scheiße. Und so riecht es auch. 5000 m³ Rindergülle im Jahr, also zwei olympische Schwimmbecken voll, stinken am Lausitzring vor sich hin. Sie dienen der hiesigen Biogasanlage als „Futter“. Zusammen mit 8.000 Tonnen Maissilage erzeugt die Gülle Energie. Sowohl Wärme als auch Strom. Sie gehört zum Projekt „Grüner Lausitzring“, zusammen mit einem Windrad und Solarcarports, an denen Elektroautos betankt werden können – wenn die Sonne scheint.

Heute ist es kalt und es regnet viel, die Solarcarports stehen in traurigem Grau, kein Elektroauto weit und breit. Auf dem Lausitzring dahinter fahren Traktoren und Mähdrescher herum. Kaufinteressierte können die Fahrzeuge testen. Auf der anderen Seite drehen die Flügel des Windrads leise ihre Runden. Sieht so die Zukunft aus?

Wandel

„Das ist eigentlich der Weg, um von der Braunkohle wegzukommen; in erneuerbare Energie zu investieren. Das sagt sich natürlich so einfach, weil die Region ja hier im Moment noch voll auf Braunkohle angewiesen ist und es wird ein schrittweiser Prozess sein“, sagt Thomas Roßner von der Firma Energiequelle. Er hat das Projekt von Anfang an begleitet. „Wir wollten eigentlich zeigen, dass die erneuerbaren Energien in der Lage sind – in Kombination sozusagen – auch die Energieversorgung zu übernehmen, als ersten Schritt.“

Der Lausitzring steht für Wandel. Wo er heute liegt, war früher Braunkohletagebau. Nun wird an derselben Stelle wieder Energie gewonnen – mit weit weniger Personal. Und das ist es, wovor sich viele fürchten, wenn laut Klimaschutzplan der Bundesregierung spätestens 2050 die Kohleverstromung ganz verschwindet aus der Lausitz: Arbeitslosigkeit. Verödung. Verarmung. Selbst wenn die erneuerbaren Energien irgendwann die komplette Stromversorgung übernehmen – viele Menschen braucht es dafür auf den ersten Blick nicht. Die Windanlage muss ab und zu gewartet werden, die Solarcarports produzieren den Strom auch von allein, in der Biogasanlage arbeiten zwei Betriebsführer, wie Thomas Roßner sagt. Auch die Windkraftanlagen würden nicht in der Region gefertigt, bis auf bestimmte Windkraftflügel, die in Brandenburg installiert werden.

Erneuerbare Arbeit?

Etwa 330.000 Menschen haben 2015 in Deutschland in den erneuerbaren Energien gearbeitet, sagt die Bundesregierung. Sie bezieht dabei Menschen ein, die in der Strom-,Wärme- und Biokraftstofferzeugung arbeiten, aber auch in der öffentlichen Forschung oder als Lieferanten tätig sind. Die meisten arbeiten in der Windenergie, insgesamt 143.000 Personen. Ein Jahr zuvor waren es noch 25.000 Menschen mehr.

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Im Jahr 2000 wird der Ring als Nachfolger der Berliner AVUS als Renn- und Teststrecke eröffnet. Bereits 2002 meldet der Betreiber Insolvenz an. Inzwischen betreibt die dritte Firma den Lausitzring. Neben Autorennen finden heute auch Events wie der Hindernislauf „Tough Mudder“, das „Red Bull Air Race“ und das Schipkauer Oktoberfest statt. Zudem gibt es Termine für freies Fahren, für Skater und Radfahrer. Und die Strecke wird vermietet: zum Beispiel an Hersteller von Traktoren und Mähdrescher. Der Lausitzring im Wandel.

Der Bundesverband Braunkohle geht von mehr als 70.000 direkt, indirekt oder anders hervorgebrachten Arbeitsplätzen aus, die von der Braunkohle abhängig sind. Der Energieversorger LEAG beschäftigt in der Lausitz etwa 8.000 Menschen direkt. 16.000 weitere sind indirekt von der Kohle abhängig, etwa als Zulieferer.

Wie viele Jobs die erneuerbaren Energien in der Lausitz bereits bieten, lässt sich nur schwer ermitteln, Statistiken gibt es nicht. Roßner sieht aber durchaus Arbeitsplätze entstehen, allein durch die Planung: „Projektentwickler, Planer, Ingenieure, das wird immer mehr. Und wir haben Biologen, die eingebunden werden, die praktisch die Anlagen betreuen, im Vorfeld in der Planung, aber auch danach. Dann kommt es jetzt dazu, dass wir mehr in die Richtung Dienstleistung gehen müssen, also sozusagen Stromvermarktung. Da muss sich natürlich gesetzlich was tun. Wenn das passiert, und davon sind wir überzeugt – dann entstehen dort weitere Arbeitsplätze.“

Mini-Energiewende am Lausitzring

Eine weitere Chance für die Lausitz sind die kleinen Teile der Energiewende:  Viele verschiedene, auch kleine Firmen betreiben viele verschiedene Anlagen, die sich über das Land verteilen. Einige „Windparks“ bestehen aus nur zwei Windrädern, einige gehören anteilig der angrenzenden Gemeinde. Die erneuerbaren Energien sind nicht DIE Lösung, nicht der EINE Retter, der die Region vor der Verödung bewahrt. Aber viele Akteure in mehreren Branchen können die Region unabhängiger machen. Und die erneuerbaren Energien können durchaus ihren Teil beitragen und Arbeitsplätze schaffen, auch wenn diese nicht immer direkt sichtbar sind.

Am Lausitzring hat praktisch bereits eine Mini-Energiewende stattgefunden. Der Strom aus dem Windrad, den Solarcarports und der Biogasanlage wird direkt ins öffentliche Stromnetz eingespeist, die Wärme versorgt den Lausitzring, sowie die benachbarte Prüfgesellschaft Dekra. Entstanden sind direkt „nur“ die zwei Arbeitsplätze in der Biogasanlage. Aber auch das Projekt „Grüner Lausitzring“ musste geplant werden, Biologen haben das Gebiet ein Jahr lang untersucht, bevor das Windrad gebaut werden konnte, die Solarzellen wurden installiert, die Windflügel gefertigt, Bauern liefern regelmäßig Maissilage und Gülle für die Biogasanlage. All das macht das Projekt zu dem, was es ist: Ein erster Schritt. Und die Solarcarports im Regen? “Der Bedarf ist eben noch nicht so hoch”, sagt Thomas Roßner, „aber ich denke mal, in Zukunft wird sich das ganz einfach ändern.“